Til Schweiger, der große Frauen- und Familienversteher kommt zum „Tatort“. Sein Film „Keinohrhasen“ war ja ein absoluter Date-Film, „Zweiohrküken“ eher ein Griff in die Toilettenschüssel – im wahrsten Sinne des Wortes (Bei der Toiletten-Szene bin ich seinerzeit mit meinem Date aus dem Kino geflohen. Gute Entscheidung!). Jetzt ist er der neue Hamburg-Kommissar Nick Tschiller und bringt dem Ersten vor allem eine Traumquote mit 12,57 Millionen Zuschauern, die höchste seit 20 Jahren.
Grund genug für eine Date Doktor-Rezension, denn der „Tatort“ ist seit jeher hervorragend für Dates geeignet. Wie viele Pärchen kenne alleine ich, die den „Tatort“ zusammen schauen. Komisch, wenn man gleichzeitig überlegt, wie debil und depressiv die Stimmung vieler „Tatorte“ ist. Doch weil das seit Jahren so ist und weil die Kommissare so viel Herz und Menschlichkeit zeigen, ja sogar etwas Schlagfertigkeit, können sowohl Frauen wie Männer dieses Stück Deutschland, sonntags um 20:15h, gemeinsam genießen.
Und nun auch mit Til Schweiger. Und der kommt gleich mit Sack und Pack. Er hat nicht nur seine Tochter dabei, sondern man munkelt, seine Produktionsfirma barefoot hätte mitgewirkt und Til Schweiger hätte den größten Einfluss auf den „Tatort“ genommen, den ein Schauspieler je auf einen „Tatort“ hatte. Weiter spielt seine echte Tochter mal wieder seine Filmtochter. Er mimt wieder den allein erziehenden trotteligen Vater, dem es einfach nicht gelingt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Sein Fahrzeug ist, entsprechend Werbevertrag, ein Mercedes. Und selbst sein Lieblingsthema ‚Peniskomplex‘ ist wieder dabei. Als Kommissar Nick Tschiller steht er neben einem Kollegen am Pissoir und bekommt spontan Stielaugen, als er den Blick zum besten Stück seines Kollegen schweifen lässt. Ich muss schmunzeln. Dieses Thema liebt er anscheinend. Es zieht sich über verschiedene Filme wie „Zweiohrküken“ und „Kokowääh“ hinweg bis zurück zum „Eisbär“ (Regiedebüt von Til Schweiger), in dem er einen Profikiller mit einem kräftigen Peniskomplex spielt.
Peniskomplex und alleinerziehender Vater? Ist er deshalb so oft alleinerziehender Vater? Das will ich selbst als Date Doktor nicht von Til Schweiger in einem „Tatort“ erklärt bekommen.
Zum Glück bleibt die Handlung des berühmtesten Krimis Deutschlands im Vordergrund. Und die beginnt hart und furios mit ungewöhnlich vielen Leichen. Nick Tschiller ballert sich in amerikanischer Macho-Manier durch die Bösewichter. Til Schweiger versucht offensichtlich das harte, actionreiche Saubermann-Image eines US-Super-Cops wie Bruce Willis nachzuahmen. Spannend gerade für uns Männer, denn welche Tricks nutzt er, um uns den sonst eher amerikanischen Überbullen mit rauher Schale und weichem Kern zu verkaufen? Können wir Männer hier noch etwas lernen?
Ich fange als Date Doktor mal die Liste der heroisierenden Elemente an. Es lohnt sich übrigens, mitzuzählen, denn es kommt Einiges zusammen.
- Til Schweiger ist den kompletten „Tatort“ mit Blessuren übersät, die er sich in rohen, echten Männerschlägereien hart erkämpft. = Männlich attraktiv!
- Alle bösen Jungs werden unnachgiebig liquidiert. Nur beim alten Kumpel und Partner wird er weich. = Beschützer und treuer Freund!
- Er ist immer Gentleman, sogar gegenüber der prostituierten Minderjährigen, die ihn verrät. Außerdem versucht er trotz Stressjob der Tochter das Frühstücksei perfekt zu kochen. = Tugendhafter Engel mit Traummann-Potential!
- Trotz dieser Gentleman-Art lässt er sich aber von Frauen nicht tiefer beeindrucken. Sei es seine ehemalige Frau, seine ehemalige Affäre oder sogar die Staatsanwältin – er lässt sie auf dem Weg zu seinem Ziel allesamt stehen. = Kantiger Mann pur!
- Von seinen spießigen Kollegen lässt er sich nichts sagen, sondern zieht sein Ding unter Einsatz seines Lebens durch. Am besten immer alleine, egal wie viele Gegner. Sein Partner kann nur vermindert aus dem Krankenhaus oder im Rollstuhl helfen, was ungefähr so männlich wirkt wie Miss Moneypenny. Dieser Kontrast lässt Nick Tschiller noch heroischer erscheinen. = Jason Statham-Status!
- Last but not least: Frauen bringt er einfach zum Schmelzen. Da wäre die Hauptkriminelle, deren Angebote er selbstverständlich stilvoll ausschlägt, da ist die Staatsanwältin, die ihm sogar auf den Hintern guckt und auch die Frau seines Partners konnte weder früher zu einer Affäre noch heute zu einem Treffen Nein sagen, womit sie glatt ihr Leben riskiert. = James Bond-Status!
Alles in allem ein mit Action und Testosteron geladener und damit unüblicher „Tatort“, bei dem sicher keine Langweile aufkommt. Wie immer ist der Streifen auch abends noch auf der ARD-Mediathek anschaubar. Meinem „Tatort“-Date ist Til Schweiger übrigens nicht so gut bekommen. Sie schnaubte verächtlich und rümpfte die Nase über so viel männliche Gewalt, geschmückt mit zwangsprostituierten Minderjährigen und schlüpfrigen Momenten. Aber bei einem Til Schweiger-„Tatort“ pro Jahr wird sie das sicher verkraften.
Welche Tricks, welche Parallelen zu US-Action-Cops hast Du wahrgenommen, mit denen Nick Tschiller uns als Superheld verkauft werden sollte? Welche weiteren typischen Til Schweiger-Elemente hast Du gesehen, die uns beim „Willkommen in Hamburg“-Tatort untergejubelt wurden?
Ich freue mich auf Deine Kommentare!
Dein Date Doktor Emanuel
MrEndorphine
Hallo Emanuel. Super Idee, einen Film dem "Alphamann-Check" zu unterziehen. Ich habe das Gleiche (für mich selbst) mal bei einigen anderen Filmen gemacht. Z.B. dem neuen Tron - Film und Tokio Drift. Folgendes ist mir dort ebenfalls aufgefallen.
Intelligenz gehört nicht zu den Tugenden. Im Gegenteil. Meistens ist der Bösewicht intelligent und vom Typ "Ice Man". Der "jugendliche" Held ist dagegen 100% impulsiv, und unüberlegt. Anders als in der Realität kommt er damit am Ende aber immer durch. Und gewinnt gegen die "feige" Intelligenz des Widersachers.
Dabei hilft ihm die Tatsache, dass er in der Fähigkeit, auf die es im Film ankommt ein natürliches Talent hat. Er ist einfach der Beste. Besonders gut zu sehen in all den frühen Tom Cruise Filmen. Cocktail, die Firma, Jerry McGuire, ... aber auch z.B. bei Tokio Drift
Wenn man die Sache mal durchschaut hat, werden diese ganzen Filme für einen ziemlich langweilig.
Anmerkung zum Tatort: Es kann sein, dass diese plumbe Art der Alpha-Stilisierung auch nur bei Teenagern wirkt. Ich fand die Dümmlichkeit des Hauptdarstellers von Tokio Drift z.B. alles andere als imponierend. Alles einfach zu unrealistisch.
Kennst du Das: http://en.wikipedia.org/wiki/Monomyth ? sicherlich auch ein guter Ansatz zur Reszension.
DateDoktorEmanuel
Haha, der Alphamann-Check :-)
So habe ich das gar nicht gesehen und so bin ich auch gar nicht an den Til Schweiger Tatort herangegangen. Ein Alphamann-Check finde ich bei einer realen Person passend. Da kann ich auf solche Features achten. Bei einer fiktiven Person, wie diesem Nick Tschiller, musste ich gar nicht so tief gehen, denn es kann ja per Drehbuch sowieso alles so geschrieben, wie sie lustig sind und es haben wollen. In manchen Drehbüchern lassen sie am Schluss ja sogar den totalen Beta gewinnen (meist Familienfilme).
Aber guter Punkt von Dir. Nick ist als typischer Till Schweiger-Charakter wieder der eher dümmliche Held, der einfach macht und gewinnt. Sein alter Kompagnon wirkt viel reflektierter, ergo intelligenter und verliert trotzdem nicht nur seine Frau an Nick sondern zieht am Ende auch noch den Kürzeren.
Viele James Bonds arbeiten mit diesem Prinzip oder Django Unchained in dem Django keinem der Bösewichter intellektuell das Wasser reichen kann. Und Unbreakable, Unzerbrechlich, mit Bruce Willis als Held und Samuel L. Jackson, als wesentlich intelligenterer Bösewicht fällt mir spontan ein.
Modiegi
Auch ich muss Dir zustimmen Kunze TATORT war super. Mein Mann und ich haben uns den zaesmmun angeschaut und waren begeistert. Till Schweiger kann da ruhig weitermachen wir fanden es genial. Und seine Tochter naja war irgendwie lustig mit dem Ei . Euch allen noch einen schf6nen Tag.Grudf Christiane
DateDoktorEmanuel
Ist dümmliches Draufhauen oft attraktiver als nachzudenken? In Filmen kommt das ja tatsächlich viel vor, Thor fällt mir als weiteres Beispiel spontan ein. Auch im realen Leben wird "weniger nachdenken, einfach machen" ja oft als attraktiver empfunden. Sicher, eine totale Dummheit wirkt nicht attraktiv, aber weniger zu überlegen, mehr zu machen, wird bewundert. Diese Kombination würde man auch von einem Alpha-Mann fast schon erwarten. Vielleicht thematisiere ich das mal in einem eigenen Blog-Text.
Und ja, ich kenne das Monomyth, das Prinzip der klassischen Heldengeschichte. Es ist quasi die Grundstruktur der meisten Hollywood-Märchen und natürlich auch hiesiger Filme.
Danke für den Kommentar.